Was sind die Gründe, dass Spieler/innen nicht so performen wie gewollt? Obwohl Trainer mit modernsten Methoden, Übungen und Drills arbeiten? Obwohl zusätzlich Schnelligkeitstraining absolviert wird und man regelmäßig in den Kraftraum geht? Obwohl Trainer und Spieler sehr fokussiert und intensiv arbeiten? Irgendwie hat man das Gefühl – es geht manchmal nichts voran!

Gemeinsam mit unserem Experten Silvester Neidhardt, der in seiner Karriere nicht nur Tausende von Athletiktrainern, Physiotherapeuten und auch Ärzte ausgebildet, sondern auch viele Spieler und Athleten aus den verschiedensten Sportarten getestet und trainiert hat, haben wir für TennisGate viele Spieler/innen unter die Lupe genommen. Darunter Weltklassespieler, Perspektivkader-Athleten, Nachwuchsspieler, Förderkinder, ITF-Seniors bis hin zu LK-Spielern und Freizeitspielern.

Silvester hat mit verschiedenen „Tests“ die Funktionalität der Gelenke, Mobilität und Stabilität überprüft und die Ergebnisse waren in bestimmten Bereichen – mit seinen Worten – zu oft „im roten Bereich“.

Hier bedarf es einer ersten Erklärung:
Der rote Bereich bedeutet „anatomisch sehr eingeschränkt“. Im gelben Bereich werden Bewegungen mit Kompensation ausgeführt und im grünen Bereich wäre alles wunderbar.

Interessanter-  und leider auch erschreckenderweise sind die Ergebnisse bei den Tennisspielern (wie auch bei anderen Sportarten) fast immer die gleichen: Obwohl in ihrer Sportart teilweise herausragend spezialisiert, ist die berühmt-berüchtigte ROM (Range Of Motion=Bewegungsumfang) und verbundene Stabilität extrem ausbaufähig.

Silvester Neidhardt

Worin ist das zu begründen? Warum ist das so? Silvester spricht von einer besorgniserregenden Entwicklung und verstärkten Kombination aus „zu viel“ Sitzen und einseitigem Training. Und so wird dann Tennis gespielt! Stehend – aber körperlich eigentlich noch sitzend!!!

Es fehlt der bewusste Ansatz, mehr Zeit für ein ausgleichendes Training zu investieren. Er findet es sehr bedenklich, denn diese eingeschränkte Funktionalität ist level-limitierend, technisch einschränkend und gelenksabnutzend. Kraft und Speed kann nicht effektiv umgesetzt werden, man wird verletzungsanfälliger und die Ergonomie geht verloren. Und das nur, weil natürliche Funktionalität verloren gegangen ist! Was grundsätzlich leicht zu erhalten wäre – da es uns Menschen ja in die Wiege gelegt wurde.

Ergebnisse

Wir stellen hier einmal die Ergebnisse „roter Bereich“ aus den Tests zusammen:

Die Füße
Problematik: Viele Schuhe stützen den Fuß viel zu sehr. Gelenke, Muskeln, Bänder und Sehnen werden einseitig gefordert und verkümmern. Deformationen wie Senk-, Platt-, Spreiz- oder Knickfüße sind sichtbar und die Ansteuerung der Zehen sind sehr eingeschränkt. Unsere Fußsohlen sind hochintelligent, mit bis zu 200.000 Nervenenden und Sensoren (mehr Sinneszellen als unser Gesicht) ausgestattet, die uns das bestmögliche Gefühl für unsere Füße, deren Position zum Untergrund vermitteln und Informationen für die muskulären Regulationen zur Erhaltung oder Wiederherstellung des Körpergleichgewichts garantieren – selbst bei sehr schnellen Antritten.

Das Sprunggelenk ist in der Beugefähigkeit zu fest und unbeweglich, jedoch in Verbindung mit den Füßen in bestimmten Bereichen zu beweglich, was zu Valgus Bildung (valgus – schief) oder X-Bein Stellung im Knie bei Belastung führt. Nachvollziehbar, dass steife Sprunggelenke (da fehlten teilweise 20° Grad Beugefähigkeit!) einen schlechten Benefit geben beim schnellen Abdrücken, Richtungswechsel und stabilem Landen. Darüber hinaus sind sie höhergradig verletzungsanfällig, was leider im Tennissport zu oft vorkommt.

Die Hüften hatten eine zu hohe Steifigkeit, speziell in der Innen- und Außenrotation. Kein Wunder, dass sich der Spieler schwerer tut, um sich in die Schläge besser hineindrehen zu können, dem „Side-Step“ der Speed fehlt oder es schwieriger wird, mit einem großen Kreuzschritt schneller aus der Ecke zu kommen.

Zur Hüft-Unbeweglichkeit kam noch eine weitere erschreckende Erkenntnis hinzu, die sich fatal auf die Hüft- und Oberkörper-Stabilität und Dynamik-Entfaltung auswirkt. Die gänzliche Inaktivität des Gesäßmuskels! Im Englischen spricht man vom „Dead Butt Syndrome“ – in Deutschland verwendet man dafür den Fachbegriff „Gluteale Amnesie“. Frei übersetzt: dein Gesäß verlernt seine Funktion (den Oberkörper aufzurichten) und vergisst, wozu er gemacht ist. Kein Wunder, da unser Allerwertester stundenlang im Stuhl verweilen darf, verkümmert und in sich zusammensinkt. Die Folge dieser einseitigen plattgedrückten inaktiven Gesäßmuskulatur, der meist gleichzeitig zusammengezogenen vorderen Hüftmuskulatur und daraus resultierenden eingeschränkten natürlichen Beckenrotation, übernehmen andere Muskelstrukturen ihre Aufgaben. Es entstehen häufig Schmerzen im unteren Rücken. Die Ironie: die Hüftstreckung steht bei jedem Tennisschlag im Vordergrund.

Die Brustwirbelsäule (BWS) war  – optisch schon meist sichtbar –  in Verbindung mit eingerollten Schultern und vorgeklappten Schulterblättern zu fest. Aber der Tennisspieler verlangt von sich eine große und weite Ausholbewegung bei den Grund- oder Überkopf-Schlägen.

Die Schulter und Armbewegungen hatten ebenfalls funktionelle und strukturelle Probleme: Worin liegen die Ursachen?

  • Die Bewegung können nicht motorisch korrekt angesteuert werden, was einem funktionellen Problem entspricht (z.B. schlechte Schulterblattkontrolle).
  • Hochgezogene Schultern, die oft durch typische Alltagsproblematiken entstehen (langes Sitzen oder einseitiges Training).
  • Im Kraftraum ist wenig von dreidimensionalem Training zu sehen: Quantität durch möglichst hohes Gewicht kann voll zu Lasten der Qualität gehen. Rundrücken, Fehlstellungen und kompensierende Bewegungen versalzen die Suppe des eigentlich gut gemeinten Trainings.

Im ersten Moment sind alle Spieler erschrocken, realisierten dann aber schnell, was sie bis jetzt an Potenzial ungenutzt ließen und welche Chancen in einer korrigierten, verbesserten Mobilität und optimierten Stabilität liegen. Alle arbeiten mit Silvesters Programmen und wir haben schon viele positive Veränderungen feststellen können – sind natürlich gespannt auf weitere Entwicklungen. Nicht nur wegen der besseren Performance, sondern vor allem auch hinsichtlich der Verletzungs-Prävention, schnelleren Regeneration und einer Langzeit-Karriere.

Spieler, betreuende Trainer und Eltern waren über dieses Testing und den daraus resultierenden Erkenntnissen sehr dankbar. Auch wenn es zu Beginn sehr lehrreich und schmerzhaft ist, wenn einem auf diese Weise die Augen geöffnet werden. Aber: jedem wurde sehr schnell klar, dass dieses Fazit aus den Testings Antworten auf die eingangs erwähnten Fragen und Probleme geben.

In der Kategorie „Testing“ widmen wir uns im Trainerclub der Problematik, dass wir Trainer zuerst testen sollten, was die Spieler – oder auch wir Coaches selbst – funktional ausführen können, bevor wir eine Performance erwarten. Der Bereich

Test it – don`t guess it!

Ein wichtiger Satz, den wir Coaches uns auf die Fahne schreiben sollten.

0 0 vote
Article Rating
Abonnieren
Benachrichtige mich bei
0 Comments
Inline Feedbacks
View all comments