Erfahrungsberichte von Eckard Nothdurft (Handballtrainer) und seinem Sohn Tim (Handballspieler).

Landessportschule Ruit im Dezember 2019

„Man kann keinen Eierkuchen backen, ohne ein paar Eier zu zerschlagen.“ (Napoleon)

Napoleon

Kurz vor Weihnachten 2019. Fortbildung der Studienleiter des Württembergischen Landessportbundes. Alle sind in der Traineraus- und -fortbildung tätig, immer auf der Suche nach Neuigkeiten bzw. Vertiefungen von sportwissenschaftlichen Trainingsmethoden.

Ein Kollege hatte das grobe Thema „FMS“ auf den Plan gebracht, er kenne da jemand, der uns auf den neuesten Stand bringt, allerdings bräuchte er dafür 2 Tage und sooo ganz billig werde das auch nicht. Egal, was nichts kostet ist nichts wert, der Typ soll ja auch ganz in Ordnung sein.  Wir machen das.

Mittwoch 18.12. Sportschule Ruit, erster Kontakt. Flipchart und 9 Matten in der Sporthalle – schon mal positiv, scheint kein reiner Theoretiker zu sein und macht tatsächlich einen ganz sympathischen Eindruck – könnte passen. Zweiter Kontakt, nach 5 Minuten braucht er einen Teilnehmer für einen ersten „Ganzkörperscreen“. Die Wahl fällt auf mich, wir halten beide mich für das beste Beispiel, wie sich herrausstellen sollte allerdings aus ganz unterschiedlichen Gründen.

Dritter Kontakt, er hat sich meinen Namen falsch gemerkt, nennt mich Erik, statt Ecki. Erik, der Wikinger, es gibt anscheinend keine Zufälle im Leben.

Jedermann erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält.

Max Frisch

Die eigene Karriere ist jetzt 20 Jahre her, das letzte Spiel in der zweiten Handballbundesliga habe ich tatsächlich im Jahr 2000 gespielt, es waren dann insgesamt rund 500 Spiele in der zweiten und ersten Liga. Seither habe ich keinen Ball mehr ernsthaft aufs Tor geworfen, die eigenen sportlichen Ambitionen einfach auf andere Inhalte verschoben. Tägliches Training ist nach wie vor Pflicht, Grundlagenausdauer auf dem MTB oder der Rolle und Krafttraining jeder Art sind die dabei die Inhalte. Die Kennzahlen haben sich nicht verändert, im Bankdrücken muss das eigene Körpergewicht als 1 RM mindestens nach oben, 300 Tonnen Eisen insgesamt im Jahr müssen es in dieser Disziplin sein, Kniebeugen, Curls, Bauch, Rücken sowieso, 2019 war dann die Wette mit mir selbst, ob ich 22.000 Liegestütze (60/Tag) schaffe (das war zu Beginn der Fortbildung auch tatsächlich erledigt).

Auf dem Rad werden jeder Kilometer, jeder Höhenmeter und jede Herzfrequenz säuberlich notiert. Kurz, der ehemalige Leistungssportler versucht seinen Abgang in die biologische Bedeutungslosigkeit erfolgreich zu verzögern und gefällt sich in seiner eigenen Performance.

Der Tagesablauf ist klar in drei Bausteinen strukturiert: Training für mich selber, Training als Unterricht an der Landessportschule, Training für meine Mannschaft (seit dem Ende als aktiver Spieler habe ich immer Mannschaften aus Liga 1-3 im Handball trainiert).

Der Mensch wird erst dann besser, wenn Sie ihm zeigen, wie er ist.

Anton Tschechow

Und dann kommen die zwei Tage mit Silvester Neidhardt, die tatsächlich alles bei mir auf links gedreht und ein Davor und ein Danach klar getrennt haben.

Es ist überragend, ich bekomme so gut wie gar nichts richtig hin, mein selbst errichtetes Fitnessgebäude wankt hin und her und ich bekomme auf geniale Art und Weise aufgezeigt, warum das nicht oder nicht mehr geht oder auch noch nie ging. SAT (Screening Assessment Testing), FMS (Functional Movement Screen) und weitere Testings zur detaillierten Überprüfung und Ursachendiagnostik (Struktur-, Ansteuerungs-, Kopplungsdefizit) bringen ans Tageslicht, was an Defiziten durch einseitiges Training entstanden ist und welche Herausforderungen sich daraus ergeben.

Für mich selbst, aber natürlich auch die Spieler meiner Mannschaften und die Trainer, die wir ausbilden.

„Wenn ein Athlet keinen pistol-squat kann, dann ist es kein Athlet. Mit Fingern muss man mit gestreckten Beinen natürlich die Zehen oder besser den Boden berühren und wer aus dem Schneidersitz nicht mehr ohne abstützen aufstehen kann, bekommt sowieso Probleme.“ – Danke Silvester für die klaren Aussagen, ich kann damit umgehen und es hat mich motiviert, über Training neu nachzudenken.

Dabei ist das ´WIE´ man denkt, vielleicht wichtiger, als ´WAS´ man denkt.“

Für den Leistungssport gibt es immer noch Reserven im täglichen Umgang mit dem Kapital Körper, sei es in der Verletzungsprophylaxe oder in der tatsächlichen Optimierung der sportlichen Leistung. Gerade die Aussagen und Inhalte zur „Preperation und Activity“ haben mich beeindruckt. Über eine ganzheitliche Betrachtung der sportlichen Leistung wird immer und überall diskutiert, die Umsetzung scheitert zu oft an den vorgefertigten Überzeugungen aller Beteiligten. Und oft haben Trainer mit einer guten Idee weit mehr Probleme, als mit einer schlechten.

Sicherlich braucht es mehr „Silvesters“, die mit ihrem Können und Wissen und der notwendigen Überzeugungskraft die Trainer, Spieler und Athleten befeuern. Bei mir hat er auf jeden Fall ins „Zentrum“ getroffen.

Mobility First und die Full Range Of Motion sind jetzt die täglichen Inhalte und ersetzen manche Einheit an der Langhantel und seit ich mit den „fingern to toe“ komme, fühlt sich alles irgendwie deutlich besser an. Aus dem Schneidersitz aufstehen kann ich aber immer noch nicht.

Eckard Nothdurft

Studienleiter beim Württembergischen Landessportbund. Ex-Handballspieler, jetzt Trainer und Trainertrainer

Erfahrungsbericht von Tim Nothdurft (Handballspieler).

Papa hat gesagt, geh da mal hin…

Papa ist auch Trainer, war aber noch nie mein Trainer, wir trainieren eher zusammen. Egal, was Handball angeht, hat er meistens Recht und der Termin passt auch perfekt in mein time-table. Kann ja nicht schaden, das kann ich mir mal anschauen. Sportwissenschaftler, Athletik- und Functionaltrainer klingt ja nicht so schlecht, Entrostungstrainer hingegen klingt etwas eigenartig für mich.

Was solls, passieren kann ja nicht viel dachte ich mir. Dass es um Beweglichkeit, Mobilisation und Flexibilität meines Körpers und meiner Gelenke geht, wusste ich, aber mit 120 1. und 2. Ligaspiele und ca. 50 Länderspiele für die deutsche U21 Nationalmannschaft habe ich doch schon einiges erlebt und mit einigen Trainer gearbeitet. Außerdem dachte ich mir, mit 8-12 Trainingseinheiten pro Woche, darunter mindestens 4 Athletikeinheiten, bin ich richtig gut trainiert. Was soll denn auch groß rauskommen, ich habe gerade im Rahmen meines Bundesligavereins die obligate sportmedizinische Untersuchung an der UNI Klinik Tübingen und einen FMS in unserem Fitnessstudio gemacht. Alles in Ordnung, alles im Rahmen… dachte ich.

Freiburg, Samstagnachmittag, ein perfekter Sommertag. Erster Eindruck, eigentlich ganz nett, als er mir jedoch nach einer Minute Smalltalk schon die ersten Defizite anhand meiner normalen Körperhaltung aufzeigte, wurde ich etwas stutzig. Schneller als erwartet wurde klar, dass es etliche Baustellen gibt, auf die ich bisher nicht geachtet habe und nicht einmal wusste, dass es diese gibt. Ohne, dass ich die Mängelliste im Einzelnen aufzählen kann und will, hat Silvester meinen, in meiner Wahrnehmung, ach so perfekten Körper mal kurz auseinandergenommen.

Die Übungen und Testungen waren nicht nur wahnsinnig anstrengend, zum Teil wusste ich gar nicht, was er von mir will und wie ich an diesen Muskel „rankomme“ oder diese Bewegung ansteuern soll.

„Echt jetzt, das kriegt der doch selbst nicht hin“ habe ich nicht nur einmal in den dreieinhalb schweißtreibenden Stunden gedacht und wurde jedes Mal eines Besseren belehrt. Doch, der kriegt das hin und erklärt mir auf eine unglaublich sympathische Art, dass es für für mich besser wäre, wenn ich das auch hinkriegen würde.

Ich habe gelernt, dass ich eine Hemisphären-Ausrichtung nach rechts und keine richtig aufrechte Körperhaltung habe, mein Schultergelenk in der Außenrotation sehr gut, in der Innenrotation aber viel zu schlecht ist, von einer Beckenrotationsgeschwindigkeit hatte ich noch nie was gehört, zufrieden war er damit auch nicht, die Ansteuerung meiner LWS hat ihm nicht gepasst, Handgelenk, Sprunggelenk zu steif. Frustrierend, faszinierend, nervig, motivierend – ein Wechselbad der Gefühle. Mit zunehmenden Schmerzen am ganzen Körper wusste ich, ups, da liegt noch viel Arbeit vor mir.

Aber ich bleib dran und arbeite daran. Anstatt die ersten Minuten des Tages sinnlos am Smartphone zu verbringen, startet der Tag mit den CARS vor dem Spiegel, meine neue morgendliche Routine. Und auch die Vor- und Nachbereitung eines normalen Bundesligatrainings ist gespickt mit Silvesters wertvollen Tipps.

Danke Silvester, für diese unglaubliche Erfahrung und ich habe verstanden, dass alles im Moment noch kein größeres Problem darstellt, wenn ich aber meinen Leistungssport noch lange machen will, ich zukünftig eine Aufgabe habe. Und meinen Körper, als mein Kapital, meinen Garten ansehen muss, den es zu pflegen gilt (Jaaaha Papa, du hast ja Recht…).

Jedenfalls bleib ich dran – und dann geh´ ich nochmal hin, klingele an der Tür- und dann zeig ich´s ihm!!!

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